Cusco-La Paz

Liebe Freunde des gefährlichen Radsports,

in der letzten Woche haben sich nicht nur die unvorhersehbaren Ereignisse ein wenig überschlagen. Umso mehr bin ich Dir jetzt mal wieder einen kurzen Bericht schuldig. In manchen Punkten werde ich mich dabei sehr kurz fassen müssen, anderenfalls werde ich heute garnicht mehr ins Bett kommen… Ich bin auf jedenfall erst einmal froh, Dir immer noch aus Südamerika berichten zu können und beim Tippen auch nicht auf fremde Hilfe angewiesen zu sein!

Aber der Reihe nach…

In den vorgesehenen zwei Ruhetagen in Cusco ging es wie angekündigt nach Machu Picchu. Während der Hinweg völlig unproblematisch mit Bus und Bahn bewältigt wurde, mussten wir den eigentlichen Besuch der alten Inka-Stätte etwas verkürzen. Das Problem war ein Streik in der Region, welcher die Bahnlinie (die einzige Möglichkeit motorisiert nach Machu Pichu zu gelangen) lahmgelegt hatte. Gestreikt wurde in der gesamten Region um Quito, weil ein für die Wasserversorgung notwendiger Fluss umgeleitet und im gleichen Zuge das Wasser privatisiert werden soll. Das hieß für uns: zunächst knapp 3 Stunden Wanderung und dann unglaubliche 8 Stunden in einem kleinen Minibus nach Quito.

Dass wir nach unserer Ankunft um 1 Uhr nachts in Quito nicht allzuviel Zeit zur Erholung haben würden bis die nächste Etappe startet ist klar. Jedoch spielte uns der Streik auch hier in die Karten. Da alle wesentlichen Straßen aus Quito heraus blockiert waren und auch am nächsten Tag sein werden sollten wir notgedrungen einen weiteren Ruhetag in haben. Auf Kosten des geplanten Ruhetags in Puno und mit der Folge, dass wir 6 Etappen am Stück bis nach La Paz/Bolivien absolvieren müssten. Die ersten vier davon jeweils mit deutlich über 100km.

Während die erste Etappe mit viel Rückenwind noch völlig unproblematisch verlief, wurde uns von der Polizei für den nächsten Tag eine Straßensperre angekündigt. Zwar sei es möglich mit dem Rad zu passieren, doch wenn man 160km entfernt von den Supporttrucks ein Bushcamp aufschlagen will, ist man ziemlich aufgeschmissen.
Also mussten die Trucks zunächst versuchen auf einem recht großen Umweg die Straßensperre zu umfahren, bevor die Etappe für uns gestartet werden konnte. Aufgrund des mehrstündigen Zeitverzugs war die Etappe dementsprechend kürzer und uns erwartete bei nächtligen frostigen Temperaturen ein Bushcamp mitten im Nichts. Aufgrund der mit Eiskritallen überzogenen Zelte und der gefroren Trinkflaschen machten wir uns recht zügig auf die 160km lange Etappe. Ziel war Puno am Titicaca-See.
Auf der Abfahrt in der Stadt befand ich mich direkt an Jurgens Hinterrad, als dieser auf die Wegbeschreibung guckte, eine kleine Bodenwelle übersah, die Kontrolle über sein Rad verlor und schlussendlich auf der Straße aufschlug, sich den Großteil der rechten Körperseite aufscheuerte und seinen Helm zertrümmerte. Ich konnte irgendwie – ich weiß bis jetzt nicht wie – zur rechten Seite ausweichen, aus den Pedalen kommen, von meinem Rad abspringen welches neben Jurgen zu liegen kam, und meine Geschwindigkeit im Laufen abbremsen, bevor ich ca. 50m weiter zum stehen kam. Zuvor war bereits Wilbert bei einem Überholmanöver eines Busse von der Straße abgedrängt worden und gestürzt.

Nach einer weiteren harmloseren langen Etappe mit der Grenzüberquerung nach Bolivien starteten wir am Montag morgen eine kurze Etappe, welche nur bis zu der Fähre mit welcher wir übersetzen mussten gewertet wurde. Aus der Stadt heraus ging es ziemlich steil los. Und da ich aufgrund der Höhe und immernoch etwas verschleimten Atemwege etwas Probleme hatte vernünftig Luft zu bekommen, suchte ich meinen eigenen Rhythmus für die 13km bis auf den Pass. Die folgende Abfahrt war herrlich. Gute Straße, bestes Wetter, wenig Verkehr, so dass ich mein Cucuma Pimenta ordentlich laufen lassen konnte. Nach einem kleinen Zwischenanstieg beschleunigte erneut auf ca. 60 km/h, vergewisserte mich, dass kein Verkehr auf der langen Geraden zu sehen war und machte mich möglichst klein. Als ich zwischendurch kurz aufschaute, ob immer noch freie Bahn war sah ich direkt vor mir einen Esel, welcher aufgrund meines plötzlichen Auftauchens ebenso erstaunt war wie ich und auch nicht den Eindruck machte zu verschwinden.

Viel mehr nahm ich nicht wahr…

Das nächste an das ich mich erinnere ist das Aufschlagen mit dem Kopf auf der Straße. Nach ein paar Metern Bremsweg – die Bremspuren sieht man an meiner gesamten linken Körperhälfte – konnte ich ungefähr realisieren was passiert war. Hinter mir sah ich den Esel sich mühsam auf die Beine bringen und etwas verstört davon trotten und die Frau die offensichtlich dazu gehörte und ebenfalls vom Abhang links der Straße die Fahrbahn überquerte. Dies tat sie nach dem Zusammenprall sicherlich etwas zügiger als zuvor, wahrscheinlich wollte sie nicht als schuldig für das von mir ausgeführte Salto ausgemacht werden…

Ich robbte zum Straßenrand um Inventur zu machen. Was war noch dran, was nicht. Zunächst schmerzte hauptsächlich das linke Bein unterhalb des Knies. Am schlimmsten sahen die Stellen aus, welche durch das zerfetzte Trikot und die aufgerissene Hose das rosa Fleisch sichtbar werden ließen – genau wie die erstaunlich rechteckige Schürfwunde an meinem Schienenbein…. Mein Helm saß noch auf meinem Kopf, meine Brille war weg. Das Rad lag ein Stück weiter, zumindest das Hinterrad sah aus meiner Position nicht so aus, als könnte ich damit weiterfahren.
Zum Glück kam ca. eine Minute später Gerard vorbei und stoppte einen Bus in welchen ich mich mit viel Hilfe und einiger Mühe zerren konnte.
Dabei kam er mit den Sprachen ein wenig durcheinander, sprach Holländisch mit mir und Deutsch mit dem Busfahrer.
Als ich mich im Bus im Gang liegend vom ersten Schwindel erholt hatte, merkte ich wie der Schmerz durch meinen Körper zu wandern begann. Tat anfangs das linke Bein weh, wanderte das größte Schmerzempfinden über meine Hüfte und den Kopf in meinen rechten Arm und dort zu meinem Handgelenk.

Am Ende der Abfahrt warteten die Trucks und folglich auch Didier – unsere für solche Fälle verantwortliche Krankenschwester. Die ersten flüchtigen Untersuchungen lieferten erstmal keine schlimmen Ergebnisse. Trotzdem wurde ich mit einer Halskrause erstmal unter eine Decke gelegt und werde für die nachfolgenden Fahrer ein ziemlich elendes, dramatisches Bild abgegeben haben. Nachdem von den anderen mein Helm und das Rad inspiziert worden war, war spätestens klar, dass ich nach La Paz ins Krankenhaus fahren muss.
Ein Stück mit dem Truck und den Rest mit einem Rettungswagen, von welchem die Fahrer noch nicht einmal wussten wie die Trage vernünftig in den Wagen geschoben bzw. wieder heraus gezogen wurde.

Nach dem sich auf den letzten Metern in die Notaufnahme noch eines der vier Räder der Trage verabschiedete, verbrachte ich den Rest des Tages und die meiste Zeit des nächsten Tages im “Hotel” Clinica Alemana – Einzelzimmer mit Zimmerservice!
Bei de Röntgenaufnahmen ließen sich weder an meiner Wirbelsäule noch am rechten Handgelenk irgendwelche Frakturen feststellen, so dass ich einzig auf meinen Schürfwunden und einem steifen Nacken sitzen blieb!

Wieviel Glück im Unglück ich offenbar gehabt habe wurde mir spätestens heute bewusst, als ich den an Ober- und Unterrohr total verbogenen Rahmen meines Rades und meinen mehrfach gebrochenen Helm gesehen habe!

Nachdem ich auf dem Weg ins Krankenhaus genug Zeit hatte alle Möglichen Varianten zu durchdenken, habe ich den heutigen Ruhetag genutzt um wenigstens irgendwie weiterfahren zu können. Für die ersten Tage die ich hoffentlich wieder fahren kann – Morgen werde ich noch den Truck nehmen um den am ganzen Körper schmerzenden Muskeln etwas Pause zu gönnen – hat mir Wilbert sein Rad angeboten. In gut einer Woche kann ich dann das Rad von Jurgen übernehmen, der von dort nach hause fliegt!

Jetzt werde ich gleich zwei Muskel entspannende Pillen schlucken und gut schlafen. Du hörst dann bei nächster Gelegenheit wieder von mir. Updates per SMS wird es zunächst nicht mehr geben, da ich beim Sitzen auf meinem Handy ausversehen dreimal den falschen PIN eingegeben haben und der PUK-Code zunächst nicht auffindbar ist…
Bei Gelegenheit werde ich dann auch wieder die Strecke aktualisieren – zumindest die Teile die aufgezeichnet sind!

 

4 mal kommentiert ↓

  1. S sagt:

    ach du scheiße! komm bloß heil hier wieder an, alter.

  2. Mark sagt:

    Oh Mann, nie ist eine Eselsbrücke da, wenn man sie braucht ;-) Aber laß Dich nicht unterkriegen, weitermachen und gesund bleiben. Hals- und Beinbruch1

  3. Danni sagt:

    ..mensch mensch mensch…da ist man mal selbst 2 Wochen in Urlaub und dann gleich bad news on a rainy thursday! Martin, du radelst abertausende Kilometer und dann willst du ein paar Sekunden Zeit gewinnen bei einer Abfahrt mit ergonomischer Haltung? Ab jetzt bitte Kopf Hoch und Augen auf im Straßenverkehr und immer hinschauen, wo Du dich draufsetzt….und immer dran denken Narben machen sexy :-) Kopf Hoch Gruß Danni

  4. Klaus sagt:

    Tja Maddin, die Esel in Lateinamerika sind halt so wie die Elche in Schweden. Was willst du auch nen Esel mitm Fahrrad überfahren. Übrigens gibts dann weiter im Süden noch Lamas und Vicunas sowie wesentlich mehr Esel, die auch ohne Hirten unterwegs sind. Also immer schön nach vorne gucken oder nen Spiegel untern Lenker kleben ;-P

    Da du ausser ein paar kleineren Blessuren nichts davongetragen hast kanns ja demnächst weitergehen. Hoffentlich machst du nicht noch mehr Fahrräder kaputt. Weiterhin viel Spass.

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